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Interview mit Dr. Werner Hagmüller vom Institut für biologische Landwirtschaft

Nahgenuss hat im Zuge eines offenen Stalltages des Bio-Schweineversuchsstalles der Außenstelle Wels der Höheren Bundeslehr- und Forschungsanstalt für Landwirtschaft Raumberg-Gumpenstein den Leiter der Außenstelle Dr. Werner Hagmüller interviewt.

Dr. Werner Hagmüller und sein Team forschen im Bereich der Bio-Schweinehaltung. Besonderer Fokus wird auf die Ferkelzucht, dem Stallbau und auf Bio-Futtermittel gelegt. Der Schwerpunkt liegt bei Stallsystemen, wo Bio-Schweine auf Stroh gehalten werden - die in Österreich mit Abstand weitverbreitetste Form der Bio-Schweinehaltung.

Dr. Werner Hagmüller vom Institut für biologische Landwirtschaft

Dr. Werner Hagmüller vom Institut für biologische Landwirtschaft

nahgenuss: Herr Hagmüller, viele unserer Kundinnen und Kunden haben nur selten einen Bio-Schweinestall gesehen. Deshalb unsere erste Frage: Was ist eigentlich der große Unterschied zwischen konventionellen und Bio-Schweinen?

Hagmüller: In einem Satz: Im Bio-Bereich muss der Bauer, die Bäuerin mehr auf das Tier, das Individuum eingehen, als im konventionellen Bereich.

Bei den Rassen sind es oft die gleichen Sauen und Zuchtlinien wie im konventionellen Bereich, hier gibt es also keinen Unterschied.

Beim Stall gibt es im Bio-Bereich immer einen Innen- und Außenbereich. Fast alle Tiere leben auf eingestreuten Betonflächen. Es gibt zwar hin und wieder Spaltböden, aber wenn, dann nur als einen kleinen Teil, und dann sind diese Spaltböden nur als Kotbereich gedacht. Die Flächen selbst bleiben dann immer sauber.

Weiters ist die Besatzdichte und das Platzangebot im Bio-Bereich fast immer dreimal so groß, wie im konventionellen Bereich. Bei der Abferkelung sind im konventionellen Bereich pro Sau 4,5m² Standard, im Bio dagegen mindestens 10m². Wobei auch dieses Platzangebot fast immer um 20% oder mehr überschritten wird.

Die freie Abferkelung ist natürlich im Bio-Bereich ein riesen Thema. Das ist auch ganz stark mit dem Tierwohl zu argumentieren und sicherlich das non-plus ultra auf Seite der Sauen. Natürlich erhöht sich dadurch aber die Gefahr für die Ferkel erdrückt zu werden um ein paar Prozentpunkte, aber im Gesamten ist die freie Abferkelung eine tolle Sache.

Das Futter ist immer ein Thema: Konventionell ist alles erlaubt, was gesetzlich im Rahmen ist. Im Bio-Bereich darf kein Extraktionsschrot gefüttert werden. Bei Sauen ist dies aber ganz wesentlich, da dort hoch konzentriertes Eiweiß nötig ist. Im Bio-Bereich gibt es als Ausgleich dazu kalt gepresste Kuchen, aus der Pressung von Soja, Kürbis, oder Sonnenblumen.
Natürlich gilt im Bio-Bereich GVO Freiheit, sprich: es dürfen in der Fütterung keine gentechnisch veränderten Organismen eingesetzt werden.

Weiteres gibt es einen Raufutteranteil. Raufutter heißt Heu, Silage, Stroh und Grünfutter. Das ist im Bio-Bereich vorgegeben - im konventionellen Bereich ist das überhaupt nicht gängig.

Zuletzt bleiben die Tiere unversehrt: Die Schwänze werden nicht kupiert und die Zähne nicht geschliffen

nahgenuss: Woran erkennt auch ein Laie einen guten Bio-Schweinestall ?

Hagmüller: Ich würde nicht das Platzangebot als ersten Parameter hernehmen. Wichtig ist, dass die Funktionsbereiche im Stall getrennt sind: Schlafen, Ruhen und Liegen - Aktivität und Ausscheidungsbereich - und der Fressbereich sollten getrennt sein. Funktionieren die Bereiche getrennt, sieht man auch als Laie, dass sich da sich jemand etwas überlegt hat.

Der Liegebereich muss eingestreut und sauber sein. Der Aktivitätsbereich ist außen; hier befindet sich auch der Bereich zum Abkoten. Der Fressbereich kann auch wo eingegliedert sein. Aber gerade wenn die Bereiche Liegen und Koten getrennt sind, kann davon ausgegangen werden, dass genügend Platz da ist.

In einem konventionellen Stall gibt es diese Trennung nicht. Da ist so wenig Platz, dass die Sau gleichzeitig koten und liegen muss. Das Schwein als soziales und intelligentes Tier braucht aber diese getrennten Bereiche.

nahgenuss: Sie haben in den letzten Jahren intensiv im Bereich der Abferkelung geforscht. Dadurch ist auch die bereits etablierte "Welser Abferkelbucht" entstanden. Mit welchen Kosten kann ein Bauer pro Zuchtsauplatz rechnen?

Hagmüller: Ein Platz in der Abferkelbucht kostet zwischen 8.000 € und 10.000 € netto. Wenn ein neuer Stall auf eine grüne Wiese gebaut wird, sprich: ein Bereich für tragende Sauen, ein Bereich für säugende Sauen und ein Bereich für die Ferkelaufzucht vorgesehen sind und dazu vielleicht auch eine Mistplatte mit Jauchegrube gebaut wird, kann ein Stall für 100 Zuchtsauen schon 800.000 € kosten. Natürlich ist eine so große Investition eine riesen Belastung. Ziel ist es deshalb, mit intelligenten Stallsystemen darunter zu kommen. Aber bei größeren Ställen sind auch vermehrt Automatisierungssysteme nötig, was sich dann auch wieder in den Kosten niederschlägt.

nahgenuss: Ihr habt das Welser Abferkelsystem entwickelt. Was unterscheidet euch von anderen?*

Hagmüller: Es gibt europaweit glaub ich, kaum eine Bucht, die die Funktionsbereiche so gut trennt.

Man sieht, dass die Sauen immer ruhig und sauber sind. Auch die Ferkel sind unglaublich sauber; die sehen wie gewaschen aus. Das ist auch für unsere Besucher sofort sichtbar. Und das ist nicht weil wir uns so bemühen, sondern weil die Sauen das Buchtensystem richtig verstehen können.

Ich sage immer, wenn die Sauen in der Bucht falsch koten oder nicht sauber sind, dann liegt es immer am Bauern und nicht an der Sau. Dann hat der Bauer die falschen Flächen zur Verfügung gestellt und die Sau kennt sich damit nicht aus.
Klassisches Beispiel: Früher hat man in Österreich die FAT Buchten gebaut. Diese sind aus der Schweiz gekommen. Das waren 7,3m² große Buchten für den konventionellen Bereich. Diese hat man für den Bio-Bereich übernommen und dann einfach einen Auslauf dazu gebaut. Die Sauen hatten im Innenbereich einen Liege- und Kotbereich. Die Sauen haben sich nicht entscheiden können; je nach Wetterlage haben sie innen gekotet oder außen. Die Ferkel waren ständig mit Kot in Verbindung, was natürlich nicht gut ist.

Da war die Welser Bucht die erste, die die Bereichstrennung konsequent umgesetzt hat. Das ist sicher der Standard, der in ganz Europa kommen wird.

Dann kommt noch das Holz in der Bauweise dazu. Holz ist natürlich etwas fürs Auge und ein Produkt das nachwächst.

 Bio-Schweinestall der Aussenstelle Thalheim/Wels

Der neue Bio-Schweinestall der Außenstelle Thalheim/Wels

nahgenuss: Was sind eure nächsten Herausforderungen und nächsten Projekte?

Hagmüller: Wir als Institut haben zum modernen Stallbau bereits unglaublich viel beigetragen. Wir erreichen auch über die Stalltage und über Vorträge auf verschiedensten Veranstaltungen sehr viele Leute und können unser Wissen so weitergeben. Beim Stallbau ist mir auch die Optik wichtig. Einen Schweinestall sollte man auch immer herzeigen können. Gerade im Bio-Bereich ist das sehr wichtig, und da lässt sich gerade bei Mastställen noch vieles optimieren. Man sieht das gerade bei unserem Neubau. Das wird mich in Zukunft sicherlich weiterhin beschäftigen.

Auch die Fütterung ist natürlich ein riesen Thema, gerade wenn es um Zusatzstoffe geht. Im Bio-Bereich sind viele Dinge nicht erlaubt, die im konventionellen Bereich eingesetzt werden. Da haben wir einen starken Fokus auf Heilkräuter und pflanzliche Zusatzstoffe gelegt. Da wird sich bei uns auch in Zukunft viel tun.

nahgenuss: Die Fleischproduktion ist einer der Hauptfaktoren im Klimawandel, gerade wenn es um den CO2-Ausstoß geht. Wo sehen Sie die Lösungsansätze?

Hagmüller: Weniger, aber dafür hochqualitatives (Schweine)fleisch. Es kann nicht sein, dass man in der Früh Frühstücksschinken isst, zu Mittag wieder Fleisch und am Abend die (Fleisch)Reste des Tages. Das wird so in Zukunft nicht mehr möglich sein. Das Schwein ist eben ein direkter Nahrungskonkurrent zum Menschen.

Weiters wäre das Schwein von der Umweltbilanz her um einiges besser, wenn man viele Reste über das Schwein verwerten kann. Vieles ist aber gesetzlich verboten. Das Schwein ist ein echter Allesfresser. Im Bio-Bereich machen wir bei der Abfallverwertung schon sehr viel. Wir füttern sehr viele Komponenten die für uns Menschen ungenießbar sind: Raufutter, Gemüseabfälle, aussortierte Kartoffeln und Brot zum Beispiel. Das ist aber sicher ein Thema, das noch stärker fokussiert werden muss, da die Schweinemast sonst ökologisch nicht nachhaltig ist.

Schweinefleisch soll wieder für ausgewählte Mahlzeiten herhalten, aber sicher nicht jeden Tag auf dem Teller landen.

Info: Fast jeden Monat findet der Tag der offenen Stalltüre in Thalheim/Wels statt. Das Programm dauert den ganzen Vormittag. Es wird durch verschiedene Stallsysteme geführt. Während und im Anschluss an die Führung werden Fragen beantwortet. Aktuelle Termine findet man hier: www.raumberg-gumpenstein.at . Die Teilnahme ist kostenlos.

Die neueste Entwicklung kann man hier und hier auf Youtube besichtigen.

*Bei der heurigen EuroTier hat Jochen Kulow, Bio-Bauer aus Norddeutschland, den Baupreis des deutschen Kuratoriums für Landtechnik in der Kategorie Schwein gewonnen. Er verwendet die WelCon Bucht, die vom Bio-Institut gemeinsam mit der Firma Schauer entwickelt wurde. Ein Video dazu gibt es hier.

 

 

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